Dr. Gasch Kriminalpsychologin
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Traumaspezifische Diagnostik von Extremsituationen im Polizeidienst. Polizisten als Opfer von Belastungsstörungen

September 2000/in Publikationen /von Neckarmedia

Gasch, Ursula Christa. Berlin: dissertation.de Verlag im Internet

„Polizeibeamten wurde zu jeder Zeit extern und intern viel zugemutet. Ist eigentlich klar, wie viel Sprengstoff sich hier angesammelt hat?“ (Zitat eines Untersuchungsteilnehmers)

“Polizeiarbeit ist der emotional gefährlichste Beruf der Welt.“

Diese Behauptung stellte Fennell schon 1981 auf. Und obgleich es andere traumasensitive Berufsgruppen wie beispielsweise Gefängnispersonal, Soldaten und Angestellte im öffentlichen Verkehrswesen gibt, scheint die Konfrontation mit potentiell traumatisierenden Erlebnissen vornehmlich Polizisten zu treffen. So stellte beispielsweise Miller in einer Studie von 1996 als Grund für Frühberentungen von Polizeibeamten primär psychische Faktoren fest. Darunter berichteten 43% der Untersuchungsteilnehmer von traumatisierenden Erlebnissen, die sie letztendlich zum Quittieren des Dienstes veranlassten. Internationale Studien berichten von Schätzungen, denen zufolge 12%-35% aller Polizisten nach einem entsprechenden Erlebnis eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln und dass PTBS das 5-häufigste Problem ist, weshalb Polizisten beim Polizeipsychologen vorstellig werden.

Leider existieren Daten zu diesem Phänomen nur retrospektiv und lassen keinen Aufschluss darüber zu, wie viele Polizisten, die derzeit noch ihren Dienst verrichten, an PTBS leiden. Dazu kommt, dass viele Personen mit PTBS keine Hilfe suchen bzw. Behandlung aufsuchen. Verschärfend legen Befunde den Zusammenhang von klassisch männlichen Rollenbildern und der Verleugnung von Hilfsbedürftigkeit nach berufsbedingten Traumata nahe. Es ist zu vermuten, dass die Rate der PTBS- Opfer unter Polizisten wesentlich höher als bisher vermutet liegt.

Studien, die sich mit den Folgen traumatisierender Erlebnisse und deren Diagnostik bei Polizeibeamten auf breiter und systematischer Ebene auseinandersetzen, sind im deutschen Sprachraum noch nicht zu finden. Die im Rahmen meiner Diplomarbeit (1997) durchgeführte Untersuchung im Raum Tübingen und Stuttgart war eine Pilotstudie, die sich erstmals mit dieser Thematik wissenschaftlich auseinandersetzte. Die vorliegende Untersuchung, an der sich 528 Beamten der Schutz- und Kriminalpolizei des gesamten Landes Baden-Württemberg beteiligten, baut auf den Erkenntnissen der Pilotstudie und den vielfältigen Erfahrungen seit Beginn meiner psychologischen Beratertätigkeit bei der Landespolizeidirektion Tübingen im November 1996 auf. Dabei verdanke ich insbesondere der Offenheit und dem Vertrauen der Verhandlungsgruppe des Regierungsbezirks Tübingen, zu deren Mitglied ich mich zählen darf, sehr viel.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Einsatz der optimierten Version des in der Pilotstudie eingesetzten diagnostischen Instruments zur Erfassung der Auswirkung traumatisierender Ereignisse im Polizeidienst. Daneben beschäftigt sich die Untersuchung mit der Gewinnung weiterer Erkenntnisse über mögliche Zusammenhänge intrapsychischer und personaler Ressourcen und der Entstehung bzw. Aufrechterhaltung einer PTBS. Von besonderem Interesse war auch, ob und inwieweit die Art eines diensttypischen Ereignisses sich auswirkte. Dabei fand zunächst eine grundlegende Auseinandersetzung mit diensttypischen Situationen und deren Belastungsgehalt für Polizisten statt. Es ist fraglich, ob es immer nur die spektakulären und medienwirksamen Ereignisse, wie beispielsweise der Schusswaffengebrauch und andere durch aktives Involviertsein eines Polizisten charakterisierten Situationen sind, die zu einer PTBS führen. Hat die häufige Konfrontation mit schwerwiegenden Konsequenzen vorangegangener Ereignisse, wie z.B. der Umgang mit Opfern schwerer Straftaten oder Leichensachen, vielleicht gleichwertige gesundheitliche und psychosoziale Folgen?

Eine fundierte Diagnostik im klinischen Sinne erhöht im Allgemeinen die Chance effektiver Intervention. Um Aufschluss über gezielte Interventionsmöglichkeiten zu erhalten, darf aber gerade bei der auf spezielle Berufsgruppen bezogenen Psychotraumatologie nicht die Auseinandersetzung mit der Kultur der betreffenden Berufsgruppe fehlen. Auch diesem Anliegen versucht die Autorin gebührend Rechnung zu tragen.

/wp-content/uploads/2016/11/logo-gasch-retina_1.png 0 0 Neckarmedia /wp-content/uploads/2016/11/logo-gasch-retina_1.png Neckarmedia2000-09-21 11:43:562016-11-22 15:12:05Traumaspezifische Diagnostik von Extremsituationen im Polizeidienst. Polizisten als Opfer von Belastungsstörungen

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    Zusammenfassung

    Zur Aufgabe des aussagepsychologischen Sachverständigen zählt vornehmlich die Prüfung, ob eine Aussage eine Falschbehauptung darstellt, oder ob sie zwar der subjektiven Realität einer Person entspricht, objektiv aber unzutreffend und damit nicht erlebnisfundiert ist. Inzwischen unumstritten ist, dass Erinnerungen an nie stattgefundene Ereignisse unter bestimmten Umständen künstlich generiert und verstärkt werden können. Fatal ist, dass Scheinerinnerungen aus aussagepsychologischer Sicht eine mitunter sogar hohe Aussagequalität aufweisen und schwer belegbar sind, sofern sich keine Hinweise für eine erhöhte Suggestibilität des Zeugen finden und keine entsprechenden Außenkriterien bzw. Sachbeweise auszumachen sind. Als nicht unerhebliche mögliche Fehlerquellen haben sich in diesem Zusammenhang dem Ermittlungs- und Strafverfahren vorangehende und begleitende traumatherapeutische Behandlungen, aber auch der intensive tatbezogene Austausch im sozialen Nahraum oder in Selbsthilfegruppen und Internetforen sowie sonstige mediale Einflüsse, erwiesen. Im Fokus dieses Beitrags stehen die Besonderheiten einer Aussageperson sowie externer Faktoren, wie klinische Diagnosestellung und das Procedere einer Traumatherapie, im Hinblick auf das Risiko der Entstehung von Scheinerinnerungen und korrespondierende Folgen für die Einschätzung der Glaubhaftigkeit im Rahmen der aussagepsychologischen Systematik.

    Summary

    The task of the psychological expert witness is primarily to examine whether a statement is a false assertion or whether it corresponds to the subjective reality of a person but is objectively incorrect and therefore not based on experience. It is now undisputed that memories of events that never happened can be artificially generated and reinforced under suggestive circumstances. Furthermore it is fatal that, from the point of view of testimonial psychology, false memories sometimes even have a high quality of testimony and are difficult to substantiate unless there are indications of increased suggestibility on the part of the witness and no corresponding external criteria or material evidence can be identified. In this context, trauma therapy treatments preceding and accompanying the investigation and criminal proceedings, but also the intensive crime-related exchange in the social environment or in self-help groups and internet forums, as well as media influences, have proven to be not insignificant potential sources of error. This article focuses on the particularities of a witness and external factors, such as clinical diagnosis and the procedure of trauma therapy, with regard to the risk of evoking false memories and the corresponding consequences for the assessment of credibility within the framework of the psychological system of testimony.

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